Solitarity

Baum. Baum. Baum. Baum.

Zugfahren. Immer wieder ein Vergnügen. (…)

Mir gegenüber sitzt ein Mann, vielleicht Ende 30. Zerschlissene Jeans, trendiges Tuch um den Hals – wie ein Versuch, mit der Kleidung dem einsetzenden Alterungsprozess Einhalt zu gebieten.
Er telefoniert laut, verzweifelt. Nach 20 Minuten ist spätestens dem Letzten hier in diesem Waggon klar, worum es geht: er hat kurz nach Weihnachten auf der Autobahn auf der Höhe Deutschfeistritz einen Hund überfahren. Er ist ihm einfach in der Nacht mitten auf der Autobahn entgegengekommen, er hat nicht mehr ausweichen können. Ein Lederhalsband hatte das Tier. Jetzt erfahren wir auch seinen Namen. Stefan heißt er. Ob sie einen Chip gefunden haben? Ob man mit dem Blut und den Haaren an seinem Auto den Hund identifizieren kann? Verzweifelt redet er ins Telefon, will die Besitzer finden, sich entschuldigen. Die Stimme versagt ihm regelmäßig, seine Hände zittern. Mittlerweile hat er schon viele Behörden angerufen, auf einmal steht er auf, fragt mich um einen Stift. Hab leider keinen, fahr ja nur den Opa besuchen. Eine nette ältere Dame beginnt in ihrer Tasche zu wühlen und zaubert nach einer kleinen Ewigkeit einen Kugelschreiber und einen kleinen Block hervor. Seitdem notiert er Nummern.
Plötzlich stehen Schweißperlen auf seiner Stirn, er blickt verzweifelt umher. Ein Tunnel, kein Empfang. Wiederwahl, erneute Vorstellung, Entschuldigung, Stefan Soundso am Apparat, gefolgt von einer halb gestotterten Erklärung warum das Gespräch so abrupt geendet hat.
Sein größtes Problem jetzt? Er hat zwei Nummern. Zwei Familien, die in dieser Gegend ihren Hund als vermisst gemeldet haben. Aber er ist unsicher. Welche soll er anrufen? Welcher soll er sagen, entschuldigen Sie, ich hab kurz nach Weihnachten Ihren Hund überfahren? Und es war so wenig von ihm über, dass die Polizei nicht eindeutig bestätigen kann, dass es sich um Ihr Tier handelt?
Ein erneutes Telefonat. Diesmal mit seiner Vertrauensperson. Seine Freundin, Frau, Mutter, irgend so jemand. Aber weiblich ist die Stimme, die ihn zu trösten versucht. Und sie schafft es. Trotz aller Funklöcher beruhigt sich der Herr wieder, ist wieder fest entschlossen, die Familie zu finden und zu informieren. Ein letztes Telefonat mit der Asfinag. Mit dem obersten Chef, wie wir alle wissen; der ganze Wagon schweigt schon seit über einer halben Stunde, hört gespannt zu und gibt ihm die notwendig Ruhe, damit er ja keine zu lauten Hintergrundgeräusche bei diesen wichtigen Gesprächen hat. Jeder, so scheint es, versucht, sich in seine Lage zu versetzen, fühlt mit ihm mit. Es ist wie ein Fenster, ein kurzer Einblick in ein anderes Leben. Und alle halten wir zusammen. Keiner sagt etwas, aber es liegt eine Spannung in der Luft. Einige tippen wie ich verlegen auf dem Handy herum, andere rascheln mit der Zeitung, ein Kind malt.
Jeder wartet auf den befreienden Anruf, der ihm hoffentlich bald bestätigt, welcher Familie er die schlimme Nachricht übermitteln soll. Das Handy läutet, der Klingelton ist eine grässliche Dreiklangzerlegung. Doch es ist jemand anderes, ein Zeuge. Aber der hat kaum was gesehen, es war ja dunkel. Jetzt wieder die Polizei. Eine Marke hatte der Hund. Aber da stand nichts drauf. Warum sie deshalb extra anrufen, weiß ich nicht, vielleicht, um den Familien die Identifizierung zu erleichtern.
Der Empfang bricht dauernd ab, jetzt sind wir bald in Bruck/Mur. Scheinbar von der Natur besiegt lässt er mit einem gequälten Gesichtsausdruck erschöpft sein Handy sinken, legt es auf den Sitz neben sich, steht auf, beginnt seinen Mantel anzuziehen. Alle paar Sekunden ein Blick auf das Display seines Smartphones, ein Blackberry ist es.
Wir fahren in den Bahnhof ein. Er steht auf, sein Blick geht durch die Runde. Er bedankt sich mit seinen Augen. Danke, dass ihr mir zur Seite gestanden habt. Danke, dass ihr für mich da wart. Völlig fremde Menschen, für eine gute Dreiviertelstunde vom Mitgefühl vereint.

Als er weg ist, geht ein Aufatmen durch die Reihen. Die Spannung ist weg, jeder wendet sich wieder seiner Beschäftigung zu, die er eigentlich zu Beginn der Fahrt angefangen hat, aber liegen ließ, um mit allen mitzuschweigen, dem verzweifelten Mann zuhörend. Ich setze meine Kopfhörer auf, drehe die Lautstärke auf Maximum. Wundere mich wieder einmal, was das Leben so für Überraschungen bereithält. Und bedanke mich, dass nicht ich es war, die den Hund und die Trauer der Familie auf dem Gewissen hat.

Ach ja, ein unwichtiges Detail noch: der Hund war schwarz.

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Eine Antwort zu Solitarity

  1. le foetz schreibt:

    Sojos Mortiblaaaatch. Tua ma an Gfolln, her mit dem umsonstigen Pharmastudium auf und schreib Reiseliteratur? So Tucholsky mäßig? Ist ein sehr berührender Text, du erzeugst sehr reale Bilder, beschreibst die Stimmung gut. Gefällt mir. 🙂
    le Fötz

    PS: Jeder, den mei Rechtschreibung oder Ausdrucksweise stört, konn ma mit Vergnügn an blooosn. 😉

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