Gott und die Welt

Der Zug in ein neues Leben? Vielleicht. Ich weiß es nicht; ich weiß gar nichts mehr.

Aber dass irgendetwas einschneidendes passiert, wenn ich nach Mattersburg fahr, daran hab ich mich schon gewöhnt. Wie viele Stunden ich schon heulend in dem alten Jugendbett meines Vaters verbracht hab, weiß ich nicht. Aber jedesmal kommen neue dazu.

Das mittlerweile fast verlassene Haus ist für mich eine Ruhestätte geworden, ein Zufluchtsort. Hier kann ich Abstand nehmen von der Welt da draußen, seh alles in einem anderen Licht. Und beginn jedes Mal, mich zu schämen. Vor mir selbst. Weil ich mir nie ausmalen hätte können, dass ich die Person werd, die ich jetzt bin. Und sie im Grunde auch nicht sein will.

In diesem Raum hab ich auch das erste Mal gebetet. Damals. Wie ich jemanden so arg vermisst hab, dass ich das Gefühl hatte, auf keine Weise der Welt glücklich zu werden, dass nur dieser eine Mensch meine Sehnsucht und Bedürfnisse erfüllen kann. Aber mit der Zeit haben sich meine Gebete verändert. Von „Lieber Gott, bitte mach, dass er mich und nur mich will.“ zu „Lieber Gott, ich weiß, du hast so viel zu tun, aber lass mich einfach nur glücklich sein.“. Auch eine Form von Erwachsenwerden, oder?

Vielleicht ist es auch gar nicht so erwachsen, sich auf Gebete zu verlassen. Ich tu das nicht oft, sehr selten eigentlich, aber wenn ich nicht mehr kann und gar nicht mehr weiterweiß, hilft es mir. Egal, ob ich erhört werde oder nicht, schaden kann es nicht, denk ich mir. (Wie die Homöopathie, aber egal, ist ein Thema für sich.)
Und zum Ausgleich bedank ich mich auch manchmal, in guten Momenten. Danke, dass es mir so gut geht. Danke, dass ich das erleben durfte. Danke, dass ich gesund bin. Und danke, dass es mich gibt.

Dann kommt der nächste Gedanke. So oft ich auch zu Gott bete, wie viele Wünsche ich ihm offenbare, eines steht fest: ich zweifle ihn an. Nicht die Kirche oder meinen Glauben an sich, sondern ob sich die höhere Macht in unserem Universum wirklich so nennt, falls sie uns lenkt. Aber ich glaube an ihn. Und das allein sollte reichen. Kleine Kinder glauben an den Sandmann. Und sie schlafen ruhiger ein. Wenn es einem hilft, sich besser zu fühlen, kann ich nicht begreifen, was am Glauben schlecht sein soll.

Ich habe meinem Opa erzählt, was passiert ist. Und im selben Moment hat es mir schon Leid getan. Er hat vor ein paar Jahren meine Oma, die Liebe seines Lebens, verloren. Ohne dass er etwas machen hätte können, sie ist für immer weg. Es war ein Unfall, sagen die Ärzte. (…)

Jedenfalls, während ich meine Geschichte von vorne erzählt hab, was alles passiert ist, ist mir das bewusst geworden. Und das hab ich ihm dann gesagt. Opa, meine Sorgen lassen sich so einfach vergessen im Vergleich zu deinen. Sie sind so klein und nichtig, dass ich sie fast nicht sehen kann wenn ich an dich und Oma denk.
Ich bewundere ihn. Ich bewundere seine Stärke, sein Durchhaltevermögen. Und für ihn hat es sich ausgezahlt. Er hat jemanden gefunden, mit dem er glücklich ist. Keine Abende allein mehr, keine einsamen Ausflüge. Opa hat es geschafft, er steht wieder mit beiden Beinen im Leben.

Mein Großvater hat mir an diesem Abend mit einem Mal meine ganze Verzweiflung genommen. Dazu hat er nicht mal was sagen müssen. Zuhören und in den Arm nehmen hat gereicht.

Ob es mir jetzt gut geht? Ich weiß es nicht. Es könnte besser sein, keine Frage, aber mir fallen Millionen Möglichkeiten ein, wie viel schlechter ich es hätte treffen können.

Ich bin schon manchmal ein Spinner, oder? 😉

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Gestern bin ich mit dem Gedanken eingeschlafen, ich geb die Verantwortung ab. Wenn es für mich einen Grund gibt, zu existieren, werd ich wohl morgen wieder aufwachen.
Ich bin aufgewacht. Und jetzt erleichtert darüber.

Jetzt in den letzten Jahren versteh ich langsam, was meine Mutter mir immer gesagt hat: Geh nie ins Bett, wenn du auf jemanden böse bist, es könnte sein, dass dieser am nächsten Morgen nicht mehr aufwacht, dann hast du keine Möglichkeit mehr dich zu entschuldigen oder das gut zu machen.

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