Bekanntschaften

Ich weiß, ich hab am Anfang gesagt, das hier solle kein Tagebuch werden. Aber irgendwie tut es gut, alles aufzuschreiben. Ich bemüh mich noch immer, keine Namen zu nennen und möglichst allgemein zu schreiben, aber das fällt mir in letzter Zeit schwer…

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Wieder in Graz. Und wie zu erwarten war, alles grau in grau. Nicht nur das Wetter und die Leute, sondern alles. Hab mich heute zum ersten Mal mit dem neuen Westbus nach Graz fahren lassen. Dem neuen? Mittlerweile auch schon über ein Jahr her, die erste Fahrt, glaub ich, nur bin ich nie gefahren, hab sogar über ihn geschimpft, weil er so teuer ist. Jedenfalls – ich hab mich geirrt, er ist eine wirkliche Alternative und ich werd ihn in Zukunft öfters benutzen.

Mit an Bord: Eine Bekannte, ein Mädchen, dass ich aus Chor kenne, die dort sogar neben mir sitzt. Ich kann mich nicht mehr genau an ihren Namen erinnern, überspiele das Ganze mit oberflächlichem Smalltalk. Sie ist 18 und kommt aus Eferding. Aha. Hat sie mir glaub ich schon mal erzählt… Um aus der Lage herauszukommen, frage ich gerade heraus: Sind wir schon auf facebook befreundet? – Nein. Ich hole mein Handy heraus, drück es ihr in die Hand: Da, such dich, schick dir eine Anfrage. Als ich mein Telefon wieder bekomme, ein schneller, beschämter Blick auf den Bildschirm, kurz bevor ich die Sperre aktiviere. Jetzt weiß ich wieder wie sie heißt, Problem gelöst.

Wir unterhalten uns, während draußen nein, nicht die Landschaft, sondern Lärmschutzwände vorüberfliegen, über Musik, unsere große Gemeinsamkeit. Was sie studiert weiß ich noch. Komposition. Aber was man später damit macht? Ich bin mir selbst jetzt noch nicht ganz sicher was sie damit mal wird, aber für genug Gesprächsstoff der nächsten halben Stunde hatte ich gesorgt. Genauso groß wie meine Neugierde war auch ihr Interesse an mir: Alte Musik? Wie ist dein Studium im Gegensatz zu anderen aufgebaut? (…)
Später: Musiker (in unserem Alter) aus Oberösterreich. Wir haben so viele gemeinsame Bekannte, warum wir uns nicht kennen, wissen wir beide nicht. Wahrscheinlich weil sie Streicher ist, ich nicht. Irgendwann, mitten in einem der langen Tunnel kommen wir drauf, dass unsere Schwestern schon mal gemeinsam auf Streicherwoche waren. Und dass sie dort beste Freunde geworden sind. Ich frage nach ihrer Familie, alles Musiker.

Schon damals, als sie mir in Chor zum ersten Mal entgegenkam, mich schüchtern anlächelte und fragte, ob neben mir noch frei wäre, kam sie mir bekannt vor. Nie, auch nicht jetzt, während der 2,5 Stunden die wir nur redeten, konnte ich nicht erraten, wieso.

Unsere Fahrt verging wie im Flug, ich zeigte ihr eine Seite auf facebook, die mich stark an Gossip Girl erinnert und wir beschlossen, das auch auf die Kunstuni auszuweiten. Sie erzählte mir von einem Buch, dass sie gerade las. So vertrieben wir uns die Zeit.

Verabschiedeten uns mit den Worten: Bis morgen, in der Probe.

 

Noch immer rätselnd, woher ich sie wohl kennen könnte, rief ich zuhause an, um die obligatorische Meldung zu erstatten, dass ich gut angekommen war. Ich erwähnte das Mädchen kurz meiner Mutter gegenüber. Die wusste natürlich sofort wer sie war. Eine riesige Musikerfamilie mit Tradition, 4 Kinder, alle hochbegabt. Ich und meine Schwester haben schon öfters mit ihnen zusammengespielt. Eine ganz große Nummer in Österreich, der Name viel wert. Die Besten der Besten, wenn man so will. Die jüngste Tochter, mit 10 Jahren schon Audit of Art abgeschlossen (das sind alle Übertrittsprüfungen, die man an der Musikschule ablegen kann).
Also war sie eine der besten Musikerinnen des Landes, neben der ich Woche für Woche gesessen hatte, ahnungslos, wer das denn sei. Und die für zweieinhalb Stunden mit mir über sich geredet hatte, und auch mich kennenlernen wollte.

Und ungeahnt dessen, wer sie ist, hab ich sie von Anfang an ins Herz geschlossen. Sie ist wie ich. Maturiert, 18 geworden, und ganz allein nach Graz gegangen. Und jetzt in einem Studentenheim. Freundeskreis hat sie keinen, aber sie hat die Musik. Genau wie ich damals. Und ich hab das Glück gehabt, Leute kennenzulernen, die mir jetzt, nach den paar Jahren noch immer die wichtigsten sind. Klar, es sind neue dazugekommen, manche seh ich überhaupt nicht mehr. Und bei anderen kann ich sagen, es sind Freunde fürs Leben.
Genau das wünsch ich ihr. Den Start in ein neues Leben selber zu meistern, egal ob sie aus einer angesehen Familie kommt oder nicht. Sie will es alleine schaffen, genau wie ich auch.

Die ganze Zeit über, all die Monate verlor sie kein Wort darüber, wer sie ist oder aus welchen Kreisen sie stammt.

Und ich? Ich hab mich geschämt, dass ich sie nicht sofort erkannte, dass ich so blind war, nicht mal anhand der vielen Anhaltspunkte bemerkte, wen ich da vor mir hab. Aber ich glaube, genau das macht dieses Mädchen aus. Sie wollte, dass ich sie kennenlerne, frei von Vorurteilen und nicht im ruhmreichen Schatten ihrer Familie.
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Vielleicht war der Eintrag  jetzt zu lang, tl;dr werden sich einige gedacht haben. Aber für mich war es heute ein Schlüsselerlebnis. Ich selber hab mich in der 2 Jahre jüngeren, talentierte(re)n Person gesehen, die da neben mir sitzt und hab zurückgedacht an die Zeit, in der ich auch so begeistert über Graz und meine Zukunftspläne geredet hab.
Das mach ich mittlerweile nicht mehr. Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, wie es mir in Graz gefällt, sag ich „Ganz gut.“. Aber am Liebsten würd ich allen antworten „Genügend.“. Weil genügend ist positiv, positiv ist gut und gut ist schon fast sehr gut. Wie mein Physiklehrer zu sagen pflegte: Sehr gut ist nur der Liebe Gott, Eins minus sind die Physiklehrer und Gut ist das, was ein Schüler bestenfalls erreichen kann.

Ich hab trotzdem immer ein Sehr gut bekommen.

 

Anyway: the show must go on.

 

Shut the f*** up!

 

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Eine Antwort zu Bekanntschaften

  1. Matt Gambler schreibt:

    Genügend ist das Sehr Gut des kleinen Mannes.

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