Schnee

Ein Tag wie jeder andere. Beginnt im Bett, noch bevor ich die Augen öffne, spür ich es. Das Kopfweh. Waren doch ein, zwei Gläser zu viel gestern. Aber das ist keine neue Situation. Wie so oft in den letzten Monaten.

Ich habe mich verändert. Bin zu einem der Menschen geworden, über die ich früher oft abfällig geredet hab, auf sie herabgesehen. Jetzt bin ich einer von ihnen. Ob es sich gut anfühlt? Nein. Kein geregelter Tagesablauf, kein Schlafrhythmus, inkonsequent beim Lernen und viel Alkohol. Abends. Fast jeden Tag.
Eine Lösung? Nein, eine Flucht. Alkohol ist eine Droge, sie betäubt, hilft zu verdrängen, wer man ist. Aber es ist auch ein Suchtmittel. Das macht mir mehr Angst. Drum hab ich zu Neujahr insgeheim für mich beschlossen, meinen Konsum drastisch zu reduzieren. Erzählt hab ich aber niemandem davon. Weil ich nicht mal mehr mir selber glauben kann. Und es nur zu peinlich wär, wenn ich es durch die Gegend posaune, nur um es am Schluss dann doch nicht einzuhalten.

Warum ich gerade jetzt darüber nachdenke? Am Sonntag war meine Großmutter auf Besuch. Da fing es an zu schneien. Nur klitzekleine Flankerl, aber dennoch: Schnee. „Das wird doch niemals liegenbleiben, bei euch ist es ja viel zu warm.“ Am nächsten Morgen dann der Blick aus dem Fenster. Gefolgt von einem Anruf nach Niederösterreich. Alles weiß! Sie hatte doch Unrecht gehabt. Hatte mich diese Tatsache als Kind damals schwer erschüttert, dass auch meine Oma mit ihren Weissagungen und Weisheiten nicht immer richtig lag, war ich doch glücklich, dass es diesmal nicht so gekommen war, wie von ihr prophezeit.

 

Schnee. Wie ich dich liebe. Eine weiße, leichte Schicht, die sich über alles legt, alles unter sich vergräbt. Alles verbirgt, egal ob schlecht oder gut, einen Neuanfang möglich macht. Und genauso tödlich ist wie wunderschön.
Wenn es schneit, kommt es mir so vor, als schweige die ganze Stadt. Der Verkehrslärm verschwindet, das laute, allgegenwärtige Dröhnen einer Großstadt verstummt. Es breitet sich mit der Schneedecke die Ruhe aus. Tiere verlassen ihre Nester und Bauten nur mehr, wenn der Hunger sie dazu treibt. Wie alle Geräusche werden die Schritte von Menschen, die an einem vorbeigehen werden gedämpft durch die Schneeschicht. Hier und da hört man Kinderlachen, sie genießen das Spielen. Bis sie zum Heimgehen gedrängt werden, von ihren Eltern, die frierend, auf der Stelle tretend, ein bisschen abseits stehen und die Kälte der Kinder zuliebe ertragen. Weil sie sich erinnern können, wie es war, damals, als sie noch so jung waren. Aber spätestens nach einer Dreiviertelstunde geben auch die hartgesottensten Erwachsenen auf; ein wirklich korpulenter Mann nimmt seine Tochter am Arm „Komm, lass uns jetzt noch wo was essen gehen, dann fahren wir nach Hause.“.

Und ich geh weiter. Genieße die Auszeit. Lass die Gedanken fließen. Wie es jetzt wohl denjenigen geht, die kein Zuhause haben? Haben sie es rechtzeitig in eine Wärmestube geschafft? Einmal hab ich das live mitbekommen, in Linz. Ein Obdachloser betrinkt sich, schäft auf seiner Parkbank ein. Und wacht nicht mehr auf. Die Zeitungen berichten über ihn, aber bald ist er auch aus der letzten kleinen Spalte verschwunden. Ob ihn wer vermisst, sich an ihn erinnert? Ich weiß es nicht. Und wie viele andere Menschen das gleiche Schicksal trifft, kann ich nur vermuten. Aber ich denk an sie.

Da wären wir wieder beim Alkohol. Wie sehr hat er mich doch verändert. Am Anfang war es, um durchzuhalten, um nicht an IHN denken zu müssen. Später dann, um aus mir herauszukommen. Dinge beim Flirten zu sagen, an die ich ein Jahr davor noch nicht mal gedacht hätte. Doch so kamen sie mir leicht über die Lippen, ich fing an, mit Menschen zu spielen. Und konnte absolut nichts böses darin sehen, jeden Tag am Abend mindestens ein Bier zu trinken. Ich sah es als Befreiung, als Möglichkeit, mich endlich so zu entfalten, wie ich mir das immer vorgestellt hatte. Schon damals, bei meinen seltenen Besuchen in Linz bekam ich zu hören, wie sehr ich doch aufgeblüht war und dass mir Graz gut tat. Ich war der Meinung, das sei der richtige Weg, verschloss meine Augen vor Tatsachen. Und der Alkohol half mir dabei.
Im Sommer dann hatte ich Abstand von allem, war daheim. In der Zeit bin ich genau zwei mal abends ausgegangen, nicht mal mein Geburtstag wurde gefeiert. Aber vermisst hab ich es nicht, mein allabendliches Besäufnis. Aber ich bekam Panik. Mein Gehirn wurde angegriffen, ich redete mir ein, das könne nicht davon kommen. Meine Sehkraft ließ rapide nach, mein Kurzzeitgedächtnis war so schlecht, dass ich mir nicht mal mehr kurz Telefonnummern merken konnte. Konzentrationsfähigkeit lag weit unter null. Wenn ich vorm Laptop saß, musste ich meine Augen zwingen, auf den Monitor scharf zu stellen. Beim Lernen ging gar nichts mehr weiter, ich konnte wochenlang auf dem selben Stoff herumkauen, merken tat ich mir nichts mehr.
Als der Sommer vorüber war, beschloss ich, so könne es nicht weitergehen. Aber irgendwie zwangen mich meine privaten Probleme häufiger zum Griff zur Flasche, als mir lieb war. Es hielt sich in Grenzen, klar, aber meine Leistungsfähigkeit hielt nicht mehr an. Ich schaffte keine Prüfungen mehr, sogar mein Körper gab auf.

Jetzt sitz ich da, zwing mich, die Sachen auswendig zu lernen, auf die Uni zu gehen. Mein Kreislauf ist kaputt, ich zittere ständig. Hab auch dauernd Sterne vor den Augen. Öfters wenn ich unterwegs bin, muss ich mich kurz hinsetzen, Pause machen. Laufen gehen trau ich mich nicht mehr alleine.

Ich glaub, ich bin in den letzten 12 Monaten haarscharf einem Alkoholproblem entgangen. Ich weiß noch nicht, ob es mir endgültig gelungen ist, mich in den Griff zu kriegen, aber es geht wieder aufwärts. Und das hab ich alleine geschafft. Ob ich stolz darauf bin? Nein. Eindeutig nicht. Ich schäme mich sogar, mich in diese Lage gebracht zu haben.

Vielleicht hab ich wirklich ein Problem, mess mich an den falschen Werten. Weil das sag ich mir ständig, es geht noch viel schlimmer, ich kenn Leute, die trinken noch viel mehr. Aber alles ist relativ. Leider. Das vergess ich gern.

Meine Grenze ist erreicht. Ich sag nicht, ich will keinen Vollrausch mehr haben, ich hab auch diese Woche fast jeden Abend etwas vor. Nur ich will wieder ich sein. Und nicht mehr meine Probleme einfach verdrängen, wegdrinken, überdecken. So wie es der Schnee macht. Weil die Alkoholdecke und die Schneedecke sind sich gar nicht so unähnlich. Beide verschwinden wieder.  Und dann steht man vor dem Scherbenhaufen, versucht zu retten, was noch zu retten ist. Und irgendwann kommt der Frühling, die Natur erwacht aus ihrem Schlaf.

 

Schnee

 

 

(Oder sie töten dich. Das ist ihnen auch noch gemeinsam.)

 

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