Die spinnen, die Filipinos ;)

Gastfreundschaft, was ist das überhaupt? Die freundliche Gesinnung, die einem Besucher von seinem Gastfreund bei seiner Beherbergung, Bewirtung und Unterhaltung entgegengebracht wird. Sagt Wikipedia.
Ich finde, es ist Teil einer Kultur. Vor allem ein Großer der Philippinischen.

Das fängt schon bei kleinen Dingen an. Ich werde Beispiele aus den letzten Tagen bringen, um ein Bild zu kreieren. Damit Außenstehende die Möglichkeit haben, die unvorstellbaren Ausmaße zu begreifen.
Ein paar Wochen vorher, so um Weihnachten herum:

– Danke für die Einladung zur Geburtstagsfeier, wäre das ein Problem, wenn ich bei euch schlaf, ich würd gern bis zum Ende bleiben. 

– Klar, warum kommst nicht schon ein paar Tage vorher, hilfst mir vorbereiten, quatschen wir ein bisschen und trinken gemütlich ein Glas Sekt bei der Arbeit.

– Oh, ich muss schauen, wie sich das mit der Uni ausgeht, aber gerne, danke.

Im Endeffekt ist es dann nur ein Tag vorher geworden. Und das Helfen bestand aus gelegentlichem Sekt nachschenken, mit den Baby spielen, meinem Onkel beim Saugen aus dem Weg gehn und dauernd essen. Egal, ob am nächsten Abend die Riesenparty war, für mich hatte sie trotzdem einen Kuchen gebacken. Während ich mit dem Kind auf dem Arm scheinbar sinnlos in der Gegend herumstand, schoss meine Tante um mich herum in der kleinen Küche und kochte. Und redete dabei. In einer Geschwindigkeit, sodass mir fast die Ohren abfielen.

Wenn wir im Februar „heim“ fliegen, wie das dann sein wird. Meine vorsichtige Frage, wie viel mich das Ganze koste, überhörte meine Tante nicht nur höflich, mir wurde auch ausdrücklich erklärt, dass ich mir darum keine Sorgen machen solle. Denn ihr Vater arbeitete als Pilot. Der habe alles organisiert. Und wir bekämen eine Sonderbehandlung, müssten nicht so viel zahlen wie der reguläre Flugpreis es verlange. Schluck. (Von meiner Seite.) Und zum ersten Mal der aufkeimende Gedanke, wie bitte kann ich mich für so etwas revanchieren? Wien – Dubai – Manila ist doch etwas länger als die meisten Urlaubsflüge.
Doch es ging schon weiter. Dort werde man uns abholen, ist schon alles ausgemacht. Die Unterkunft? Ach, ein Fünf-Sterne-Hotel. Eine Cousine arbeitet dort, wir bekommen die Suiten viel günstiger als sonst. Und das Hotel hat eine Terrasse  auf der man Frühstücken kann. Mit Pool und so. Und wenn man mitten in der Nacht Lust auf eine Massage bekommt, ist das kein Problem. Weil wir kennen da eh Leute.
Dann ein paar Tage mit einer kleineren Maschine auf eine der Nachbarinseln. An den White Beach, einen der schönsten Strände der Welt. Dort werden wir eine Bootstour machen, ein Freund der Eltern besitzt da ein Boot, der macht so Ausflüge für Touristen. Und der zeigt uns auch gleich die schönsten Schnorchelplätze. Wo wie schlafen werden? In einer Pension, auf Empfehlung irgendeiner Tante/Cousine/Großtante/was auch immer. Die Bars entlang des Strandes am Abend – kennt jeder, da werden wir es schön haben. (Sie ist nur ein paar Jahre älter als ich.)
Am Schluss verbringen wir noch ein paar Tage bei ihren Eltern. Die Oma freut sich schon. Angeblich sind die Bananen im Garten schon reif. Die Mangos bräuchten noch ein bisschen, erzählt sie. (…) Natürlich ist es eine Selbstverständlichkeit, dass wir bei ihnen zu Hause schlafen. Das Haus ist ja groß genug, man habe öfters Gäste.
In einer Verschnaufpause trau ich mich, Fragen zu stellen.

– Wie ist das mit Handys, wird das recht teuer?

– Wir besorgen dir ein Wertkartentelefon, keine Sorge, ihr bekommts am besten jeder eins. Und Wlan gibt es eh in jedem Hotel.

Ähm…. danke! Und Bankomatkarten? Gehn die da unten?

– Sicher, sie sind noch immer gegangen. Aber wofür brauchst du denn Geld, das Shoppen wird ein bisschen kurz kommen und sonst… ich glaub, du wirst keinen Bankomat brauchen.

– Aja, und Mückenschutzmittel nimm dir mit, die sind sehr agressiv.

So ging das die letzten drei Tage. Und ich wurde immer verzweifelter. Wie bitte kann man sich für das, was für Filipinos selbstverständlich ist, irgendwie revanchieren? Dieses, in meinen Augen riesige Geschenk, aufwiegen? Aber ich bin zu dem Schluss gekommen, wir sind als Familie eingeladen, da sollen sich mal meine Eltern drüber den Kopf zerbrechen.

 

white beach

 

 

Am nächsten Nachmittag: die Party. Der erste Geburtstag der kleinen Maus. Ein großes Fest. Nach dem ersten ist der siebente der wichtigste hab ich mich belehren lassen. Das traditionelle Gericht? Glasnudeln. Weil die so lang sind. Und man dem Geburtstagskind ein langes Leben wünscht.
Überhaupt, das Essen. Wo soll ich nur anfangen. Mit einem Riesentrara wird ein Spanferkel (mehr ein Schwein) hereingetragen. Der Kochtrupp, natürlich hat ein Verwander einen Cateringservice, stürzt sich darauf. Am Ende wird das klein gehackte Fleisch mit Soßen serviert. Am Buffet. Zuerst anstellen, mit den anderen 100 Gästen. Plastikteller neben Gabel und Löffel. Messer? Gibt es nicht. Hier wird mit dem Löffel geschnitten oder zumindest versucht (von uns eingesessenen Österreichern, die anderen haben das Prinzip heraußen). Daneben: Reis. Berge davon. Nächster Behälter: Glasnudeln. Mit Hühnerfleisch, Karotten, Paprika, undefinierbarem grünem Gemüse. Verfeinert mit Sojasoße. Und ähnlichem. Vermutlich. Dennoch, mein klarer Favourit.  Dann: Fisch. Auf den ersten Blick nicht als solcher erkennbar; in mundgerechte Stückchen geteilt, paniert und frittiert. In süß-saurer Soße. Ich hab ewig geglaubt, das ist Hendl. Bis mich meine kleine Schwester eines besseren belehrt hat. Danach hat es nicht mehr so gut geschmeckt. Als nächstes: Shrimps. Also, Garnelen im Ganzen. So was halt. In Knoblauch(?)soße. Mit Fisolen und Kürbis. Etwas gewöhnungsbedürftig zu essen, weil einem wegen der Soße das Fleisch während des Schälens über den halben Tisch fliegt, aber gut geschmeckt haben sie. Erst ziemlich spät: Frühlingsrollen! Sie heißen irgendwie anders. Aber sie schaun aus wie welche und schmecken auch genau so. Sehr lecker. Aber das Highlight war der Versuch, sich uns Österreichern anzupassen. Auf einmal ein Behälter voll Schnitzel. Pute, klein geschnitten. (Nach dem panieren.) Davor? Eine Flasche Ketchup. Und ganz am Rand? Eine Riesenschüssel Pommes. Das verstehen sie also unter österreichischer Kultur. Naja. Und irgendwo in diesem Buffet das Schweinefleisch.
Und, wie sollte es anders sein, anschließend Partyspiele für die Kinder. Gastgeschenke werden ausgeteilt; es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Irgendwann mittendrin: die Torte wird angeschnitten! Die Torte? Ein Riesendrum, bedeckt mit Buttercreme in weiß und rosa. Zwei Stöcke. Und Wunderkerzen. Und Hello Kitty. Und weil die nicht reicht, gleich daneben noch eine. Von der steht der Rest gerade neben mir, ich hab ihn mitbekommen weil sie keinen Kuchen mehr sehen können.
In der Nacht, wo nur mehr die engsten Verwandten (so um die 50 Personen) da sind: Karaoke singen! Die Kultur ist so stark von Amerika und China beeinflusst, dass es im Endeffekt ein (grässlicher?) gewöhnungsbedürftiger Mischmasch aus beidem geworden ist.

Aber wir, die Familie meines Onkels, sind aufgenommen in diese Gemeinschaft. Und werden mit so offenen Armen in Empfang genommen, dass es uns schon unangenehm ist. Weil insgeheim, und ich kann jetzt nur für mich sprechen, schäm ich mich für uns Österreicher. Wir mit unserer Ausländerfeindlichkeit. Die meisten von uns werden nie den Zusammenhalt und die Unterstützung so einer komplexen Familie erleben. Wer könnte schon von sich behaupten, jemanden Fremden ein paar Nächte bei sich aufzunehmen? Eine Familie vom anderen Ende der Welt, wenn man so will? Und das nur, weil der Ehemann der Tochter der Bruder unserer Mutter ist. Dieses Vertrauen, das einem entgegengebracht wird, selbst wenn man erst kurz zur Familie gehört – unbeschreiblich. Aber für Filipinos selbstverständlich.

 

Aus der einen Übernachtung sind schlussendlich drei geworden. Natürlich hab ich noch zum Essen bleiben müssen. Und während ich mich verabschiedete, wurden schon neue Pläne geschmiedet. Wann ich das nächste Mal vorbeikomme. Und ob ich dann nicht länger Zeit hätte.

 

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