Ein Eingeständnis

Ich sollte ihn vergessen.

Kann ich aber nicht – will ich nicht. Wär aber besser. Wird mir dauernd gesagt. Ja ich weiß, das macht es aber nicht einfacher. Bei mir sind schon lange nicht mehr Verstand und Herz einer Meinung. Und das bekomme ich dann halt zu spüren.

Warum gibt es keinen Knopf, keinen Schalter, den ich nur umlegen muss, dann ist alles weg. Alle Gefühle. Früher hatte ich den mal. Und ich hab ihn mit Gewalt betätigt. So stark, dass ich gar nichts mehr fühlte. Aber jetzt sind meine Mauern weg, jedenfalls fast.
Was übrig ist? Keine Ahnung. Eine leere Hülle, so kommt es mir vor. Eine Marionette. Tut das, was sie macht nur aus dem einen Grund: weil es die anderen erwarten. Lebt, aber LEBT nicht. Funktioniert, aber nicht richtig. Ist auf Sparflamme gestellt, wie die Tiere im Winterschlaf.
Manchmal gibt es Momente, da ist alles wie früher, unbeschwert. Aber die sind selten geworden. Jedes Lachen, nur aufgesetzt. Um die Erwartungen zu erfüllen. Ja sicher, mir gehts gut. Das ist die Standardantwort  Die, die erwartet wird, wenn man jemanden fragt. Und es gehört zur Höflichkeit, diese Frage zu stellen. Auch wenn danach peinliches Schweigen kommt.
Eine Zeit lang hab ich geantwortet ‚Frag lieber nicht, ich will dich nicht anlügen.‘. Aber ich hab mittlerweile resigniert. Setz ein Lächeln auf. Gut!

Aber nichts ist gut. Klar, es könnte schlimmer sein. Viel schlimmer. Und eigentlich wart ich nur auf den Moment, in dem ich erkenne wie gut ich es eigentlich hab. Ich bin in der Ausbildung. Hab ein Dach über dem Kopf, keine Geldsorgen. Eine Familie, die mich liebt und unterstützt. Viele andere Leute, die mich gern haben, einige würden alles für mich tun, andere weniger. Aber es gibt sie. Und ich bin nicht alleine.
SO gut geht es mir eigentlich. Ok, vielleicht sollte ich mich anders ausdrücken. Ich bin nicht zufrieden. Ich kann meinem Herz nicht seinen größten Wunsch erfüllen. Werd ich auch nie können. Aber nicht mal den Zweitgrößten? Das mein ich, mit Vergessen. Es geht einfach nicht.

Und ich bin fixiert. Ich geb es ungern zu, aber es stimmt. Monatelang abgestritten, dann das Eingeständnis.
Wäre ich doch damals nicht so dumm und blind gewesen. Sag ich mir in melancholischen Momenten. Dann könnte alles perfekt sein. Aber in der überwiegenden restlichen Zeit: Gut, dass ich so vernünftig war. Das ist doch ein Zeichen von Erwachsenensein, so wie ich gehandelt habe. Und es war richtig. Ich kann stolz auf mich sein.

Aber, wie kann etwas, das so richtig ist, so weh tun?

Das bekomm ich bis heute nicht in meinen Kopf. Irgendetwas in mir sträubt sich dagegen, sagt mir, es ist noch nicht das letzte Wort zu dem Thema gesprochen. Irgendein Teil passt nicht. Aber ich finde einfach nicht heraus, welches. Ein klitzekleines Stück fehlt, in dem Puzzle. Damit es schlüssig wird. Ich will jetzt nicht behaupten, ich bin ein Genie schlechthin und versteh alles sofort und immer. Bin ich auch nicht. Aber logisch denken kann ich. Und mein Gespür sagt mir, da passt etwas nicht. Eine unberechenbare Variable macht es mir so schwer. Es ist wirklich wie ein Mathematikproblem zu sehen: das Gleichungssystem geht SO schnell und leicht zu lösen, da muss etwas faul sein. Und erst nach ein paar Stunden, wenn man die Aufgabe wieder durchgeht, findet man den Fehler. Ein Minus übersehen. Strich- vor Punktrechnung gelöst. Falsch ausmultipliziert. Eine Kleinigkeit, die alles verändert, die man nicht sofort sieht, aber wegen der man die ganze Zeit ein ungutes Gefühl hat. Genau so fühl ich mich.

Ja, ich habe mich gegen mein Herz entschieden. Gegen mein Gefühl, hab mich vom Verstand führen lassen, wollte auf der sicheren Seite sein. Aber mit der Entscheidung kamen die Zweifel. Was, wenn ich das mein Leben lang bereue? Selbst jetzt sagt mir meine Intuition, das etwas nicht stimmt. Was es ist? Weiß ich nicht. Aber ich werde alles dran setzen, es herauszufinden. Nicht alles. Aber fast.

Heart

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter die Welt der mortifera abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Ein Eingeständnis

  1. Temmo Usstah' schreibt:

    Spontan würd ich sagen, der Grund für den vermuteten Fehler in der Gleichung, für das Gefühl als stimme etwas nicht, ist dass man alles richtig gemacht hat und es einem trotzdem nicht gut geht. Aber ich glaube da denken wir beschränkten Menschlein einfach zu kurzfristig, bei einer Gleichung die immer wieder nur die Zeit auflösen kann. Ich hab daher angefangen die zeit liebevoll den Verbündeten der Unglücklichen zu nennen. Aber nur insgeheim.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s