The game

Alles ist nur ein Spiel. Davon bin ich nach wie vor felsenfest überzeugt. In den letzten Monaten hab ich das leider von Zeit zu Zeit vergessen; hab den Überblick verloren. Den Überblick über die riesige Spielfläche und die vielen verschiedenen Charaktere. Ich vergaß, alles, aber auch wirklich alles zu berücksichtigen. Hab Leuten blind vertraut, dass sie einfach in der Rolle bleiben, die ich ihnen geschrieben hab. Meinte, dass sie nach meinem Drehbuch spielten, obwohl sie ihren Text nicht kannten. Normalerweise fertige ich immer mindestens 5 oder 6 mögliche Szenarien an. Aber ich bin faul geworden; und bequem. Es ist einfach zu oft genau das eingetroffen, was ich geglaubt hab. Und dann war ich so überzeugt davon, dass ich immer Recht hab, dass ich es übertrieben hab.

Es ist schwer, ein Spiel zu spielen, in dem es keine Regeln gibt. Doch, eine einzige: Du hast nur ein Leben. Ein mickriges kleines Herz, das nicht, wie gewohnt, oben am Bildschirmrand blinkt, sondern im Körper festsitzt. Und es fängt auch nicht zum Piepsen an, wenn es nur mehr zu drei Vierteln voll ist. Die Regeneration dauert Ewigkeiten. Außer man findet am Weg zufällig eine Kiste in Form eines bestimmten Menschen, der einem einen kurzen Boost verleiht.
Aber es ist niemals zu vergessen: Spiel mit. Finde deine Rolle, deine Bestimmung. Wenn du aus der Masse herausstechen willst, stich heraus. Wenn du ein im Verborgenen arbeitendes Zahnrädchen sein willst, sei es. Wenn du glaubst, die Welt positiv verändern zu können, verändere sie. Wenn du durch und durch böse bist und die Macht an dich reißen willst, reiß alle Macht an dich. Es gibt keine Regeln.
Die einzigen Einschränkungen werden von den Spielern selber geschaffen. Sie sind nötig, damit nicht ein völliges Chaos über die Menschheit hereinbricht. Aber es gibt niemanden, der über allem steht; die Kontrolle behält. Die Welt ist aus den Fugen geraten, die Schere zwischen arm und reich öffnet sich immer weiter. Das Spiel hat ein seltsames Eigenleben entwickelt; ein Leben, dass sich nicht an menschliche Werte hält.

Um jetzt wieder auf einen kleineren Ausschnitt zurückzukommen: ich komm mit der Größe nicht klar. Als kleines Kind schon, hatte ich den Wunsch, alles zu wissen. Und mit allem mein ich alles. Ich ging mit meiner Mutter in die Bibliothek und sah die schier endlos langen Regale. Ich war davon überzeugt, wenn ich groß sei, würde ich das alles wissen und im Kopf haben, jedes einzelne Buch. Man kann sich meine Bestürzung feststellen, als ich erfuhr, dass es noch andere Bibliotheken gab als die kleine Kinder- und Jugendbücherei am Hauptplatz. Allein in Linz schon extrem viele. Und das in jeder Stadt? Das war so der Augenblick, an dem mir es langsam dämmerte, dass es unmöglich war, alles zu lernen und dieses Wissen dann auch zu behalten. Vor ein paar Tagen hab ich einen Post im Internet gesehen. „Jede Erinnerung, die du unter 4 Jahren hattest, ist falsch. My whole life is a lie!“. So ein Blödsinn. Woher könnte ich dann jeden Raum in unserer alten Wohnung exakt mit allen Möbeln aus dem Gedächnis zeichnen? Wir haben kaum Fotos von der Zeit, und umgezogen sind wir auch, kurz nachdem ich 4 wurde. Ich kann euch sogar jetzt noch die Anordnung der Shampoos, Duschgele, Kontaktlinsenflüssigkeit und der großen Dose Rasierschaum sagen, die unten im Badezimmerschrank war. Wie die Reihenfolge meiner Bücher im Regal sich manchmal geändert hat, wann welches Buch dazugekommen ist. Ich kann sagen, zu welcher Zeit meine Kleider wie im Kleiderschrank angeordnet waren. Obwohl ich, wie wir umgezogen sind, einen anderen bekam.
Darum war ich ziemlich frustriert, wie ich bemerkt hab, dass ich nie an den Punkt kommen werd, wo ich wirklich alles Wissen dieser Welt mein Eigen nennen kann.

Jetzt ist es ähnlich. Ich hab zu viele Leute auf einmal gehabt, hab den Überblick verloren. Ich bin nicht gut in zwischenmenschlichen Interaktionen, wirklich nicht. Aber ich hab inzwischen erkannt, dass es ein Spiel ist. Ein Spiel, mit nur einem Leben. Und was man daraus macht, ist seine Sache.
Ich jedenfalls will meinen Kindern nicht erzählen, dass es eine Zeit gab, in der ich fröhlich durch die Gegend gev***lt hab. Gibt es auch nicht. Und wird es nie geben. |: Mama, wer ist das mit dem du da schreibst? – Ach niemand, mit dem hab ich mal vor langer Zeit was gehabt. 😐 Wenn sich so eine Szene ein paar Mal wiederholt, werden sich die Kinder auch was denken…

Ja, manche spielen kompliziert, manche einfach. Manche halten sich an die selbst aufgestellten Regeln, manche brechen sie. Manchen ist ihr eigenes Selbst im Weg, andere spielen im Einklang mit sich selbst. Einige machen schnell, andere langsam. Aber spielen tun sie alle. Und das ist es, was im Endeffekt zählt.
Notiz an mich: Alles ist nur ein Spiel. Never forget. Never ever.

morti.

 

post scriptum: Meine Zahnschmerzen bringen mich noch um. Und von der Betäubungsspritze ist mir noch immer schlecht. Wäh.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter die Welt der mortifera veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s