Jetzt bin ich alt UND sentimental.

So. Jetzt sitz ich hier, bin 21 Jahre alt, hab nicht wirklich was geleistet in meinem Leben und öffne und schließe alle paar Minuten irgendwelche Tabs in meinem Browser. Weiß ich wirklich nichts mehr mit mir anzufangen? Neben mir liegt ein Buch. Ro und die Windmaschine. Ja, ich verbringe meine Ferien in meinem alten Kinderzimmer, das ich mit meiner Schwester teile und lese Kinderbücher. Ganz alleine. Zu meinem Geburtstag war gar niemand da. Die einen hatten zuerst groß geredet, aber letztendlich dann doch keine Zeit gehabt. Andere sind spontan schon einen Tag früher verreist. Und wieder andere haben erst am nächsten Tag überhaupt zurückgeschrieben.
Im Endeffekt war es ein lustiger Zufall, dass zwei Bekannte (sag ich jetzt mal; ich kenn sie erst seit diesem Semester über fff) im Mühlviertel waren und über Linz heimfahren wollten. Ob ich nicht Lust auf ein Getränk hätte. War ziemlich lustig, wie sie dann draufgekommen sind, dass ich am nächsten Tag Geburtstag hab. Aber das richtige Highlight war, dass meine zwei ältesten Freunde gekommen sind. Fa war der einzige, der sofort und fix zugesagt hatte. Und das, obwohl ich ihn schon länger als ein Jahr nicht mehr gesehen hab. Er und seine Schwester retteten mir sozusagen den Abend. Die beiden sind für mich wie meine Geschwister. In der Babyspielgruppe kennengelernt, haben wir bis zum Gymnasium fast jeden Tag miteinander verbracht. Und ich weiß genau, wenn ich etwas brauche, sind sie immer für mich da. Würd ich Fa seit 5 Jahren nicht mehr gesehen haben, und ihn mitten in der Nacht anrufen, er würde sofort vorbeikommen. Das weiß ich genau.
Mein Geburtstag vor 2 Jahren ist das beste Beispiel. Ich hab ihn und Ma im Gymnasium ziemlich aus den Augen verloren. Sicher mehr als 6 Jahre haben wir uns nur in der Schule gesehen, am Gang gegrüßt. Dann, auf einmal am Abend vor meinem Geburtstag schreiben sie mir: Wir hätten da eine Flasche Sekt, kommst vorbei zu Mitternacht? Und dann sind wir bei ihnen im Garten gesessen, haben Sekt getrunken und uns zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder unterhalten. Wie als ob nie Zeit dazwischen vergangen wär. Ich kenn Fa noch genau, wie er mit der Nase zuckt, wenn ihm etwas unangenehm ist. Wie sein Fuß unruhig zu wippen beginnt und er kurz darauf sagt, er geht kurz auf die Toilette. So viele Sachen haben sich nicht verändert.
Das klingt jetzt ein wenig blöd, aber er war für mich der Bruder, den ich nie hatte. Und Ma, die war immer dabei. Die hab ich gemeinsam mit Fa am Tag nach ihrer Geburt in meinen 3-jährigen Händen gehalten. So lang kenn ich sie schon. Und obwohl wir uns so oft nicht sehen, ist es, als wäre gestern das letzte Treffen gewesen. Verrückt, oder?
Jedenfalls: Sie waren da. Auf die kann ich mich immer 100%ig verlassen. Famach forever.

Fa, zum Kellner: 2 Tequila noch! Oder – Moment… (dreht sich um zu mir) Magst lieber an Sekt oder stoß ma mit Tequila an?
Ich: Da hast ganz richtig geraten – Tequila passt voll! 
Wir beide grinsen 😀
Fa, wieder zum Kellner: Ok, 2 Tequila!

Anmerkung: Wir sind nie gemeinsam fortgegangen, sind uns nur manchmal kurz für ein, zwei Getränke über den Weg gelaufen.

Aber ich bin es ja gewöhnt. Allein zu sein. Tut mir glaub ich besser. Ich halts auch in einer kleinen Gruppe nicht lange aus. Haben fff und E in Italien halt auf die harte Tour gelernt. Wenn ich sag, ich will das nicht machen, sie sollen ruhig mit den andern gehen, ich mach einfach eine kleine Runde und schau mir in Ruhe die Gegend an, nachher treffen wir uns wieder und ich bin wirklich nicht böse, schließlich sind wir alle erwachsen, dann mein ich das auch so. Punkt. Das mein ich wirklich nicht böse und es ist auch nicht eine Form des Spinnens und/oder allein Leidens, ich bin einfach kein Herdentier. Ich will mir kein verrostetes altes Fahrrad ausborgen und eine halbe Stunde zu einem Leuchtturm fahren, wo ich verschwitzt ankomm und nicht mal viel was trinken darf. Ich hab schönere 2 Stunden, wenn ich die Strandpromenade entlang bummle, mir ein Eis kauf, die Füße ins Meer hängen lass, die Wolken anschau und über Gott und die Welt (oder einfach das Abendessen) nachdenk. Und wenn mir gerade eine nette Melodie einfällt, kann ich sie stundenlang inklusive Variationen laut summen. Ohne besorgte Blicke auf mich zu ziehen oder die spontanen Modulationen sofort kommentiert zu bekommen.

Überhaupt muss ich leider sagen, Urbino hat mir viel besser gefallen. Abgeschnitten von der Außenwelt, in einem kleinen Bergdorf. Dort, wo die Zeit noch nicht so schnell vergeht. Wo alles noch überschaubar ist. Kein Internet, keine bekannten Leute. Wie ein zweites Leben. Noch Tage später bin ich in dieser Wolke geschwebt. Kein Stress, nur Musik. Und lauter so verrückte Leute wie ich. Wenn man nicht die selbe Sprache spricht, braucht man sich auch nicht zu unterhalten. Lächeln genügt. Und Musik ist sowieso das einzige, was man zur Verständigung braucht.

 

Ich hab angefangen, mit mir selbst zu reden. Mir Vorträge zu halten, imaginäre Bücher zu schreiben; oder Musikstücke vorzusingen. Klingt jetzt total komisch. Aber solang ich das kontrollieren kann und bewusst mache, ist es noch in Ordnung, oder?
Ich hab teilweise das Gefühl, dass ich das sofort aufschreiben will. Aber sobald ich einen Stift in die Hand nehm, ist das alles weg. Ich kann die Sätze nicht mehr so formulieren, wie ich das gerne hätte; wie es sich richtig anfühlt. Und ich vergess, wie der nächste Satz gegangen ist. Auch die Noten verschwinden. Ich beginn mit einem Takt und weiß den Schluss nicht mehr. Ärgerlich. Aber ich bin einfach nicht schnell genug.

Und jetzt les ich weiter meine Kinderbücher.

morti.

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2 Antworten zu Jetzt bin ich alt UND sentimental.

  1. Anonymous schreibt:

    Mit deinen jungen 21 Jahren hast du das Gefühl in deinem Leben nichts geleistet zu haben? Darüber kannst du dir Gedanken machen, wenn du mal 80 Jahre alt bist und dann ist es ohnehin schon zu spät! Genieß dein Leben, auch wenn es wirklich nur die Einsamkeit ist, manch anderer würde sich das zwischendurch wünschen. Du solltest es eher als Ruhephase ansehen, durch Interaktion mit anderen Menschen wird das Leben kompliziert und turbulent und aus ruhigen Phasen kann man auch Kraft schöpfen! Neben Urbino ist auch Assisi sehr schön, da ticken die Uhren einfach anders, langsamer, gleichmäßiger…

    Liebe Grüße

    • mortifera schreibt:

      Es ist so, dass ich tüchtige, erfolgreiche, perfektionistisch veranlagte Eltern und Großeltern hab. Daher wahrscheinlich auch (leicht) unrealistische Vorstellungen. Und ich übertreib gerne. Ist eine Art Humor. 😉
      Ich bin einfach jemand, der schnell den Überblick verliert, wenn zu viele (unberechenbare) Menschen beteiligt sind und 24 Stunden am Tag auf mir picken. Da hab ich das Bedürfnis nach Auszeiten.
      Ja, so eine ruhige Phase bräucht ich gerade. Dringend. Seit schon einem Jahr dringend. Aber es kommt halt immer anders und etwas/jemand dazwischen. JEtzt bin ich aber auf einem ganz gutem Weg, glaub ich.
      So weit südlich war ich noch nie in Italien, aber wer weiß? Vielleicht komm ich ja eines Tages dort vorbei?

      Liebe Grüße zurück, Anonymous, der unbekannt bleiben will.

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