Gewissensbisse, Dwillinge und anderes

Er ist müde, das sieht man ihm an. Unter seinen Augen, die noch schwach funkeln, haben sich bereits dunkle Ringe gebildet. Die Haare zerrupft, als ob er seit Tagen mit einer Mütze am Kopf draußen in der Kälte übernachtet hätte. An den Füßen billige Turnschuhe, ganz kaputt ist die Sohle schon, auch außen ist der Stoff nicht mehr ganz intakt. Wie viele Kilometer sie ihn wohl schon getragen haben? Aus einem fernen Land vielleicht, oder einer anderen Stadt? Oder läuft er nur täglich die Strecke von einer Parkbank in das Geschäft, wo er sich mit dem wenigen Geld, die paar Münzen, die in seiner Tasche leise aneinander klirren, wenn er sich bewegt, eine Dose Bier holt? Bier ist gut, es hält einen warm in den kalten Winternächten.

 

In der gehetzten Welt von heute hat keiner mehr Zeit, auch nur ein Mal um sich zu blicken. Jeder rennt mit einem Tunnelblick umher, der es ihm ermöglichen soll, seine Tagesziele doch noch rechtzeitig zu schaffen. Auch eine junge Frau bewegt sich mit der Menge, die aus der Straßenbahn quillt. Die Haube sitzt ganz schief am Kopf, gleich wird sie herunterfallen, aber sie braucht beide Hände um sich gegen die spitzen Ellbogen der Schüler, vollgefüllten Einkaufstüten älterer Damen gemischt mit ganz offensichtlichen Schubsern durch die Menge zu wühlen. Endlich hat sie es zur Rolltreppe geschafft, lässt den schweren Rucksack auf die Stufe vor sich fallen und beginnt, an der Kleidung herumzuzupfen. Die Jacke ist etwas zu kurz, genauso wie das T-Shirt – beide verbergen die Tatsache nicht, dass sie heute zu faul war, eine ordentliche Hose anzuziehen und entblößen ungeniert ihre Leggins, die im Begriff ist, ihr von den Hüften zu rutschen. Man sieht ihr an, sie fühlt sich unwohl. Schon ist die Rolltreppe aus, das Outfit halbwegs gerettet, der Rucksack findet mit einem leicht angestrengten Seufzer wieder seinen Platz auf ihrem Rücken.

 

Vorm Bahnhof weht ein eisiger Wind, sie beschleunigt ihre Schritte, um möglichst schnell in die warme Halle zu kommen. Ihre Augen wirken abwesend, sicher erstellt sie gerade im Kopf noch schnell eine Liste, was jetzt noch zu tun ist. Ticket kaufen, Vorteilskarte suchen, Mittagessen kaufen, genug zu trinken nicht vergessen. Und natürlich den Zug rechtzeitig erwischen.

Wieder kracht der Rucksack auf den Boden, man hört den Laptop laut aufschlagen, die junge Frau zuckt zusammen. Beginnt in ihrer Handtasche zu kramen, mehrere Minuten vergehen, endlich fischt sie mit erleichtertem Blick ihre Geldbörse vom Boden der Tasche hervor. Zwei Taschentücher fallen auf den Boden.

Während sie den Automaten bedient, beeilt sie sich, der Zug wartet nicht und außerdem hat sich hinter ihr schon eine lange Schlange gebildet.

Mit einem zusammengeknüllten Papiersackerl in der einen und dem Handy und einer großen Wasserflasche in der anderen Hand verlässt sie schließlich die Halle, den Rucksack nur über eine Schulter gehängt, die Haube schon wieder im Begriff, vom Kopf zu rutschen.

Kurz vor der Tür lässt sie ihren Blick, in Gedanken versunken, noch einmal über die Menge schweifen. Gleich neben ihr auf einer Bank sitzt ein alter Mann, den sie schon von Anfang an im Unterbewusstsein registriert hatte.

 

Als er ihren Blick einfängt, lächelt er. Wie ein Fels in der Brandung, die um ihn herum wogt, versucht er mit seinem einfachen Lächeln, ihr den Stress zu nehmen, so scheint es.

Sie hetzt vorbei, ohne sich umzudrehen, ist schon viele Meter weiter, als sie es bemerkt.

 

 

Im Zug, der ersten Durchschnaufpause des Tages überkommt sie das schlechte Gewissen.

 

Es hätte nichts gekostet, einfach zurückzulächeln.

 

 

——————————————————————————————————————-

Ja, es ist viel passiert in letzter Zeit. Mit superman läuft es so weit recht gut, viel besser als mit E und fff. Das haben wir Mädels nämlich gestern bei drei Cocktails analysiert. Nein, im Ernst, auch wenn letzte Woche eine Ausnahmesituation war und er mir einfach zu viel wird, ich geb ihn nicht her. Ich will auch nicht über ihn schimpfen, weil er ist das beste, was mir seit langer Zeit passiert ist.
An dieser Stelle nicht nur an E, sondern auch an Mo danke. Einfach, weil ich wen gebraucht hab, der mich wieder auf den Boden zurückholt, bevor ich mich da in was hineinsteigere. Und da ist mir jemand lieber, der mich leicht belächelt, warum ich mir denn unbegründet so viele Sorgen mach, als jemand, der mich nur bemitleidet und mir alles nachplappert, was ich hören will. Ich war einfach zu sehr eingefahren und involviert, als dass ich die Dinge ruhig von außen betrachten hätt können.

Weil ich gerade von Mo sprech: tumblr, wtf?! Es geht mich mit jedem Mal mehr an. Dass ich nur, wenn ich mich auch anmeld, benachrichtigt werd, falls es einen neuen Eintrag gibt. Und die Kommentarfunktion wird anscheinend auch viel zu sehr überbewertet. Uncool.

 

Einen Dwillin fängt man nicht. Lässt man lieber fangen? Nein. Taucht unverhofft auf und ist nicht gleich als solches identifizierbar? Schon eher.
Aber was, wenn man eine Wildkatze sieht? Einfach nehmen und in einen goldenen Käfig stopfen. Regelmäßig füttern und gießen. Eventuell hat man Glück und die Beute ist doch ein Dwillin.
Ich hab jahrelang die andere Tour probiert. Hinter einem Eck versteckt lauern, nur um mit eigenen Augen ohnmächtig zu beobachten, wie ihn mir jemand wegschnappt.

Übrigens bin ich mir nicht mal sicher, ob man es Dwillin oder Dwilling nennt. 😉

 

Ach ja, und von meinen Jugos gibts auch wieder Neuigkeiten. Ich war jetzt exakt 9 Tage in Graz. In diesem Zeitraum sind meine Zahnpastatube und mein (einziges!) großes Küchenmesser spurlos verschwunden. Zufall? In dubito pro reo.

So, jetzt bin ich gleich in Wien.

Eine schöne Woche wünsch ich euch!

 

mortifera.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter die Welt der mortifera veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Gewissensbisse, Dwillinge und anderes

  1. Mo schreibt:

    Ja, echt, tumblr wtf. -.- (ich glaub aber wenn man sich einen Acc macht kann man mir folgen, lästig aber ich freu mich td und dann sollt es auch mit der Emailbenachrichtigung klappen)
    Sehr schön geschrieben, sehr gern gelesen. Und eine Dwillin(g)-Erwähnung! 😀
    Schön dasses dir besser geht, lg und halt die Ohren steif!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s