Danke

Danke, dass genau du mir geholfen hast. Obwohl du es eigentlich nie erfahren solltest, aber heut erzähl ich mal alles, was mir seit Jahren auf dem Herzen liegt.

 

Meine Schulzeit bestand nicht daraus, „nur“ am Einzeltisch hinter der letzten Reihe meine eigene alleine zu bilden. „Nur“ in den Pausen blöde Bemerkungen und neue Gerüchte über mich zu hören. Froh zu sein, wenn ich bei Partnerarbeiten die Erlaubnis des Lehrers erkämpft hatte, allein die Aufgabe zu lösen und nicht zu einem Paar dazuzumüssen.

Sie beinhaltete viel mehr.
Reißnägel auf meinem Stuhl, wenn ich mich in der Pause doch einmal vom Platz wegbewegt hatte, genauso Tixostreifen, die mir im Vorbeigehen überall draufgeklebt wurden und ich meistens erst zuhause entdeckte.
Das Zurückweichen der anderen (nicht nur) im Turnunterricht, die so taten, als stehe ich in einer unerträglichen Gestankswolke. Das Verstecken meiner Turnschuhe auf Klos oder im Schulgarten. Wie erklärt man als 12-jährige seinen Eltern, dass man schon zum 5. Mal in diesem Jahr neue Schuhe für den Unterricht braucht, weil man die alten „verloren“ hat?
Das vermeindliche Verpetzen beim Lehrer, wenn ich mich in der Stunde doch nicht aus der Gruppenarbeit rausreden konnte. Ich sei Schuld, ich habe alle vom Rechnen abgehalten (während der Zettel mit allen meinen Antworten still und heimlich als Ball seinen Weg durch das Fenster gefunden hat). Ich hätte das Werkteil falsch zusammengeleimt (von meinen Gruppenmitgliedern, die sich vor Lachen nicht mehr halten konnten als der Professor fragte, was denn so lustig daran sei, es sei doch Schaden entstanden, das ist doch für alle schlecht?).
Das Bücher-aus-der-Hand-schlagen am Gang, wenn wir vor einem Saal auf die nächste Stunde warteten, zusammen mit lautstarken Überlegungen, wie es denn bitte Eltern schaffen können, ein so schirches, geistig behindertes Kind zu zeugen?
Das Verstecken von Schulbüchern, dass ich manche mehrmals kaufen musste und natürlich jedes Mal ein Minus bekam, wenn ich dem Lehrer keins vorweisen konnte.
Die schiefen Blicke und das Gekichere über meine ach so üppige Körperbehaarung (natürlich rasiert sich doch jedes Mädchen ab 11 unter den Achseln und die Beine!).
Das Beschießen mit Papier-Spuckekügelchen sobald die Klasse verdunkelt wurde, wenn Filme geschaut wurden.
Das Absichtlich-Beine-stellen, um mich möglichst ungeschickt, im besten Falle auch noch auf einen vorbeigehenden Lehrer stürzen zu lassen (die das nach einem Monat aber schon heraußen hatten, dass ich absolut keine Gleichgewichtsstörungen hab und auch sonst ganz normal gehen kann.)
Das Haareabschneiden wenn ich das Pech hatte und jemand fehlte und mich der Lehrer bat, doch seinen Platz inmitten der Meute einzunehmen.

Den absoluten Höhepunkt weis ich schon lang nicht mehr, es war mehr oder weniger ein auf und ab. Wenn einen Tag lang jemand anderer in der Aufmerksamkeit der Klasse stand, war es für mich schon ein perfekter. Ich konnte in der Masse untertauchen und hoffen, dass mich keiner blöd anmachte.

 

 

Worauf ich eigentlich hinauswill – in der Oberstufe hat sich alles gebessert. Zwar nicht alles, aber vieles. Die Klassen wurden neu durchmischt, ich fand ein paar Leute, die nett waren und gerne Zeit mit mir verbrachten. Aber tief drinnen wartete ich noch immer auf die Sprüche. Und sie kamen. Anspielungen auf vermeidliche „Insider“; geschickter, viel unbemerkter von der Allgemeinheit, auch von mir mit einem Lachen abgetan. Getroffen haben sie trotzdem.

 

„Nur noch bis zur Matura durchhalten.“ Das war seit der 2. Klasse mein tägliches Mantra, das sagte ich mir in meinem Kopf wenn alle anfingen. „Nur noch bis zur Matura, nur noch bis zur Matura, nur noch bis zur Matura,…“ Stein, Stein, Stein. Ich baute meine persönliche Mauer. Die wurde mit den Jahren stärker, dass es mir immer leichter fiel, die anderen zu ignorieren.

 

Als ich später nach Graz zog, hatte ich tief in mir einen Entschluss gefasst: ich bin nichts wert, allen geht es besser ohne mich. Die Fassade aufrecht zu erhalten war überhaupt nicht mehr schwer, jedes Mal wenn ich heimfuhr dachte ich daran, mich bei meiner Schwester noch mal extra zu verabschieden, für alle Fälle. Ich redete mir ein, das sei der perfekte Plan, bin ja sowieso schon am anderen Ende von Österreich, jetzt kann mich keiner mehr kontrollieren und davon abhalten.

Vielleicht hat man ja doch so etwas wie einen Schutzengel, oder war es göttliche Macht, dass ich mich an jenem Abend dazu entschloss, mit einer, die ich im Heim kennengelernt hatte, zum ersten Mal in den 5. Stock zu bewegen. (In der Zwischenzeit hatte ich auch erste Bekanntschaften mit Alkohol gemacht, die mir durchaus eine angenehmere Lösung für mein Problem baten, als die, die ich geplant hatte.)

Jedenfalls gingen wir in die WG und es waren so viele Leute dort, dass ich am liebsten gleich wieder umgedreht hätte. Dann durch die Tür in die verrauchte Küche. Und dort, mitten auf dem Tisch saß ein ziemlich cooler Junge mit langen Haaren, die ihm in die Augen fielen, ein Bein aufgestellt und mit einer Hand umfasst, die Zigarette im Mundwinkel und schien sich mit allen im Raum gleichzeitig zu unterhalten.

OH MEIN GOTT WAS FÜR EIN EXTREM GEILER TYP (Diese Worte, lautlos geschrieen in meinem Kopf, echoen heute noch nach.)

Und im Laufe des Abends bestätigte sich, was ich mir schon gedacht hatte: Ich will so sein wie er. Wenn ich das irgendwie schaff, dann mit genau diesem Selbstbewusstsein.

Vor dem Klo war eine Schlange, schließlich nur mehr er und ich allein. „Wohnst du auch da?“ Mein ganzer Mut war in diese paar Worte gepackt, ich wusste, wenn ich jetzt die Chance nicht nutzen würde, wär dieser Mensch nur einer von vielen gewesen, die ich in meiner Zeit im Studentenheim gesehen hätte. Irgendwas redete er, nein er sei gerade letzte Woche ausgezogen, so in die Richtung. Ich konnte mich nicht wirklich darauf konzentrieren, was er sagte, sondern wie! Es mag für Aussenstehende komisch klingen, es war doch ein normales Gespräch, Smalltalk, aber mich faszinierte er von der ersten Minute. Und mir war klar: den will ich in meinem Leben haben, egal wie. So jemanden werd ich doch nie bekommen (sei es jetzt als Freund oder anderweitig), das hab ich mir damals noch gedacht, heut kann ich drüber lachen.

Lange hab ich gezögert, als ich ihn das erste Mal auf facebook gesucht hab, ich war mir ja nicht mal mehr sicher, wie er sich vorgestellt hatte. Schließlich doch gefunden, jeden Tag auf das Profil geschaut. (Und absolut nichts gesehen, wie blöd den weißen Bildschirm angestarrt.)

Habs dann doch gemacht. Nur um mich eine weitere Dreiviertelstunde nicht zu trauen, die Nachricht zu lesen, die ich als Antwort darauf bekommen hatte.

„Hey, freut mich, dass du mich gefunden hast, aber bitte sei dir bewusst, wenn ich mehr als ein paar Wochen nichts mehr mit dir zu tun hab, werd ich dich wieder aus der Freundschaftsliste löschen. Du hast über 400 Freunde und ich hab 50, dafür alles sehr gute und Familienmitglieder, du siehst also, es ist nichts persönliches, aber so handhab ich das halt.“ (frei zitiert)
Naja, was soll ich sagen – challenge accepted.

(…)

 

 

Ich lass jetzt mal ein paar Jahre aus, jedenfalls hat es genau der Mensch geschafft, mir den nötigen Stupser zu geben und das Vorbild zu sein, das ich schon immer gebraucht hatte. Jetzt kann ich einen Strich unter die ganze Angelegenheit ziehen und sagen, ich mag mich, und wenn das jemand nicht akzeptiert dann hat er a) ab sofort nichts mehr mit mir zu tun und b) Pech gehabt, bitch! Weil ich bin nämlich extrem geil!

Ich hab das eigentlich noch nie jemandem so mit allen Zusammenhängen erzählt, vielleicht verstehen manche von euch jetzt besser, warum ich damals wieder (was auch niemand wusste) in ein tiefes Loch gefallen bin. Irgendwie war meine ganze Welt aus den Fugen geraten.

Trotzdem, es hat sich alles zum Guten gewendet und auch wenn die Zeit nicht alle Wunden heilt, find ich, ist es nun der Punkt gekommen, allen zu vergeben. Sicher, sie waren jung aber ich bin mir ziemlich sicher, sie wussten was sie taten. Mittlerweile glaub ich auch an ein gewisses Gleichgewicht im Universum, Karma, wenn man es so nennen will. Sie werden schon ihre Quittung bekommen, irgendwann. Ich hab jedenfalls für mich meinen Frieden gefunden.

 

Und eigentlich wollt ich dir nie sagen, dass du mir im Grunde genommen das Leben gerettet hast.
Danke ❤
Du wirst immer ein Teil von mir bleiben, egal ob ich auf diesen gerade sauer bin oder ihn gern hab.

https://www.youtube.com/watch?v=LXHzZBr_zuU

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Eigentlich wollt ich das alles in einem Brief schreiben und heute noch einwerfen gehen. Aber leider bin ich heut nicht in Graz und ich hatte aber gerade jetzt das Bedürfnis, darüber zu reden, genau jetzt bin ich so weit.
Vielleicht aus aktuellem Anlass an der Schule meiner Schwester, wo ein ähnlich Fall jetzt sein jähes Ende gefunden hat. Ich hab allein durchgehalten und im richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute kennengelernt; sie nicht.

 

 

 

mortifera.

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